"0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

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Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von GSA-Team » Do 3. Feb 2022, 10:46

[Mod: Nachricht von Filip Schuster ]

Guten Tag, als Macher der Studie möchte ich gerne ein paar von Dune
beschriebene Dinge richtigstellen.

Dune schreibt: „In diesem Artikel versucht Filip Schuster darzulegen, dass
nur 0,4 Prozent der Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs auf pädophile Täter
zurückzuführen seien.“

Das habe ich nicht geschrieben. Erstens geht es in dem Artikel nicht um den
Prozentsatz der Fälle, sondern um den Prozentsatz der „Täter“. Zweitens und
wichtiger geht es in dem Artikel nicht um den Anteil der „pädophilen“
„Täter“ an allen „Tätern“, sondern um den Anteil der „pädophilen“ Männer an
allen „Tätern“. Ungefähr 74 % der „Täter“ sind „Minderjährige“, ungefähr 4
% sind Frauen, ungefähr 23 % sind Männer. Von diesen 23 % Männern hat nur
eine kleine Minderheit eine Alterspräferenz für Vorpubertierende (Mädchen 0
bis 9 Jahre, Jungen 0 bis 10 Jahre). Nach zwei Dunkelfeldstudien ist das
nur geschätzt bei ungefähr 2 % dieser Männer der Fall. Und dann beträgt der
Anteil der „pädophilen“ Männer an allen „Tätern“ eben nur 0,5 %.

Dune schreibt: „Als Hauptargumente für seine These gibt Filip Schuster
unter anderem an:

1. Ein Großteil der sexuellen Übergriffe auf Kinder werde von Jugendlichen
unter 18 begangen und diese könnten, da der Altersabstand zu den Opfern
weniger als fünf Jahre betrage, nicht als pädophil gelten.“

Dass Menschen unter 18 Jahren nicht als „pädophil“ gelten könnten, habe ich
nie gedacht oder geschrieben. Die sexuellen Alterspräferenzen der
„Minderjährigen“ sind gar kein Thema in dem Artikel. Natürlich gibt es
„Minderjährige“ mit einer Alterspräferenz für Vorpubertierende. Es geht mir
in dem Artikel um den Anteil der „pädophilen“ Männer an allen „Tätern“.
Deshalb habe ich zunächst den Anteil der „Minderjährigen“ an allen „Tätern“
ausgerechnet. Dieser Anteil beträgt nach den vorliegenden Studien 74 %.
Wenn 74 % der „Täter“ „Minderjährige“ sind, dann verbleiben schon mal nur
noch 26 % für die Frauen und die Männer. Das ist übrigens auch kein
kleinrechnen, sondern ein zur Kenntnis nehmen der Wirklichkeit.

Dune schreibt: „Filip Schuster bezieht seine Angaben unter Zitation von
Studien aus dem Dunkelfeld. Auch hier wird es zu Verzerrungen hinsichtlich
der Aussagekraft kommen, da die Daten sich auf freiwillige Angaben nicht
justizbekannter Täter in Bezug auf eine hochgradig stigmatisierte Präferenz
beziehen.“

Die Ergebnisse zum Anteil der „Minderjährigen“ an allen „Tätern“ beziehen
sich nicht auf „freiwillige Angaben nicht justizbekannter Täter“, sondern
auf Angaben von Nicht-„Tätern“. Es gibt zum Beispiel allgemeine Befragungen
von Schülern. Da werden zum Beispiel repräsentativ Schüler eines Landes
befragt, ob sie jemals zu einer sexuellen Handlung gezwungen wurden oder ob
sie jemals einen sexuellen „Kontakt“ zu einer mindestens fünf Jahre älteren
Person hatten. Falls ja wird nachgefragt, wie alt die andere Person bei der
sexuellen Handlung war. Das Ergebnis ist dann, dass ungefähr 74 % der
„Täter“ „Minderjährige“ sind. Die Erkenntnis, dass die Mehrheit der „Täter“
„Minderjährige“ sind, geht also auf die Aussagen der als „missbraucht“
angesehenen Menschen, auf die Betroffenen selbst zurück.

Dune schreibt: „Nur solche Täter als pädophil gelten zu lassen, die
Übergriffe auf unter 9-jährige Mädchen, bzw. unter 12-jährige Jungen
begehen, ist ebenfalls zweifelhaft, da die Grenzen der körperlichen
Entwicklung in diesem Alter fließend sind und der soziale Kontext von
Beziehungen auch einen möglichen Missbrauch über mehrere Jahre bis in die
Pubertät hinein einschließt, ohne dass dies etwas an der pädophilen
Präferenz eines Täters ändern würde - ein 12-jähriges Mädchen könnte
beispielsweise auch bereits im Alter von 8 Jahren von demselben
(pädophilen) Täter missbraucht worden sein.“

Ich habe nie behauptet, dass ein Mensch, der einen sexuellen Kontakt etwa
zu einem 12-Jährigen hat, nicht „pädophil“ sein könnte. Natürlich kann das
der Fall sein. Insofern argumentiert Dune hier ständig gegen Dinge an, die
ich nie gedacht oder geschrieben habe.

Dune schreibt: „Vollständig außer Acht lässt Filip Schuster meiner Meinung
nach die Tatsache, dass es neben einer exklusiven pädophilen Präferenz auch
Mischformen gibt, die sich bei Männern zeigt, die neben ihrer Pädophilie
auch eine Ansprechbarkeit auf Erwachsene haben und trotzdem Übergriffe auf
Kinder begehen.“

Wieder falsch. Ich berichte in dem Artikel zum Beispiel über eine Befragung
von 997 Männern von Ó Ciardha u. a. (2021) (im meinem Artikel steht
fälschlicherweise 2018 statt 2021). Ich zitiere mal aus meinem Artikel:

„Den Männern wurde in der Studie auch diese Frage gestellt: “Since the age
of 18, have you ever found yourself sexually attracted to someone who was
under the age of 15?” Bei 153 Männern war dies nach eigenen Angaben der
Fall. 142 Männer berichteten von Anziehung durch Menschen im Alter von 11
bis 14 Jahren, ein Mann von Anziehung durch Menschen unter 11 Jahren und 7
weitere Männer von Anziehung durch Menschen aus beiden Altersgruppen. Auch
dieses Ergebnis zeigt klar, dass die große Mehrheit der Männer mit
gefühlter sexueller Anziehung durch Menschen unterhalb der
„Schutzaltersgrenze“ keine Präferenz für Vorpubertierende hat.“

Man sieht hier, dass von 153 Männern mit sexueller Anziehung zu Menschen
unter 15 Jahren nur 8 Männer überhaupt von Anziehung durch Menschen unter
11 Jahren (Vorpubertierende) berichten. Daraus kann man schließen, dass der
Anteil der „pädophilen“ Männer (Präferenz für Mädchen bis 9 Jahre und/oder
für Jungen bis 10 Jahre) an allen „Tätern“ mit sexuellen „Kontakten“ zu
„Kindern“ sehr gering ist. Aber natürlich schließt ein sexuelles Interesse
an beispielsweise 8-Jährigen kein sexuelles Interesse an Erwachsenen aus.
Insofern habe ich „Mischformen“ keineswegs außer Acht gelassen.

Dune schreibt: „Filip Schusters Versuch, den statistischen Anteil
pädophiler Menschen an sexuellen Übergriffen auf Kinder möglichst gering zu
rechnen, erscheint vor dem Hintergrund seiner anderen, auf der Seite
ipce.info veröffentlichten Artikel, in denen er keinen Hehl aus seiner
Ansicht macht, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern auf
gegenseitigem Einvernehmen beruhen würden, verständlich.“

Ich habe nie allgemein behauptet, dass „sexuelle Kontakte zwischen
Erwachsenen und Kindern auf gegenseitigem Einvernehmen beruhen würden“.
Diese „Kontakte“ sind sehr unterschiedlich. Ein Teil dieser „Kontakte“ sind
erzwungen, manipulativ, usw.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von GSA-Team » Do 3. Feb 2022, 10:45

[Mod: Nachricht von Filip Schuster ]

02.02.22


Guten Tag,
in Ihrem Forum wurde über einen vor mir verfassten Artikel zum Anteil der
„pädophilen“ Männer an allen „Tätern“ des „sexuellen Missbrauchs“ von
„Minderjährigen“ diskutiert:

viewtopic.php?f=18&t=2896&sid=6299cc2a2 ... 10fb3f2544
Der User Dune hat in seinem Beitrag meinen Artikel in mehrfacher Hinsicht
falsch dargestellt. Es wäre nett, wenn Sie meine untenstehenden
Richtigstellungen in diesem Diskussionsthread posten könnten. Alternativ
könnte ich mich auch bei Ihnen registrieren und den Text dort posten. Da
ich aber die Forenregel „Sex mit Kindern wird klar abgelehnt.“ nicht teile,
geht das wohl nicht.
Alles Gute
Filip Schuster

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von MarkTwain-andhisgirls » Di 16. Nov 2021, 12:17

Ich schließe mich Mascha an. Wir als Forum-Gemeinschaft sollten von Hr. Beier eine öffentliche Entschuldigung fordern, die an alle Pädophile zu richten ist.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Mascha » Mo 15. Nov 2021, 08:55

Dass gleichzeitig viel Richtiges und Wichtiges benannt wird hilft mir nicht darüber weg zu kommen was hier für ein Vergleich gezogen und was für eine sprachliche Nähe (hochgefährlicher pandemischer Virus/ bestimmte sexuelle Neigung) gezogen wird.

Ich mag die Begrifflichkeiten hier gar nicht direkt nebeneinander schreiben. Denn genau solche Dinge schreiben sich ins Gedächtnis ein, auch ins Unterbewusste. Aus der Arbeit gegen Antisemitismus kenne ich das. Man möchte aufklären, aber indem man die negativen Stereotype und Hassbilder aus der Geschichte nennt hält man sie nur am Leben und brennt sie umso unauslöschlicher in die Erinnerung ein.

Und dieser Vergleich erschüttert mich wirklich sehr, zumal er im deutschen Sprachraum von einem deutschen Wissenschaftler getätigt wird.

Man nehme diesen Vergleich und setze anstelle von Pädophile mal "Juden" oder "Behinderte" ein. Es würde einen riesigen Aufschrei geben. Die Tatsache, dass sich wenn es um die pädophile Neigung geht nur ein paar selbst Betroffene aufregen und das vermutlich im Wissenschaftsbetrieb nicht mal ein geringes Echo erzeugen wird bringt auf den Punkt wie stark die Stigmatisierung ist. Dass Pädophile als Objekte der Forschung und der Therapie gesehen werden, nicht als Subjekte und gleichwertige Menschen. Dass sich ein Herr Beier hier nicht besser reflektiert und versucht dem wirkungsvoller entgegenzutreten finde ich mehr als irritierend. Ich denke nicht, dass die Aussage bewusst bösartig und diskriminierend gemeint ist, aber sie zeigt ein Maß von Nichtreflektion des gesamten Kontextes das ich so krass nicht erwartet hätte. Eigentlich sollte man als Verein an Hr. Beier und an KTW schreiben und zwar an alle Standorte und eine Entschuldigung und öffentliche Stellungnahme fordern.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Max » So 14. Nov 2021, 23:25

Nelson hat geschrieben: So 14. Nov 2021, 23:15
Das Ziel des Artikels von Klaus Beier et al. scheint klar zu sein: Wie im Umgang mit Covid-19 werden wir als Gesellschaft lernen müssen, mit pädophilen Menschen in unserer Mitte zu leben.
Wir sind doch keine Krankheit, ein stigmatisierender Vergleich mehr.
Ja. Aber lies den Beier-Artikel mal richtig. Eine Bevölkerungsgruppe mit einer Krankheit zu vergleichen ist Mist (und dass Pädophilie an sich im ICD 11 als Störung definiert werde) aber davon abgesehen ist das, was er anprangert und fordert von der Gesellschaft, gar nicht verkehrt. Ich finde es daher nicht fair, den Artikel allein nur durch diese Brille zu betrachten.

Zentral in dem Artikel ist nämlich keineswegs, die Pädophilie mit irgendwas zu vergleichen, sondern den Umgang der Gesellschaft mit zwei Problemen zu vergleichen: der eine (halbwegs) sinnvoll, der andere maximal dumm, einfältig und kurzsichtig bis hin zu bösartig. Und dabei stellt Beier all diese Kurzsichtigkeit der Gesellschaft und Gesetzgeber im Umgang mit dem Thema Missbrauch bloß und auch im Umgang mit uns, die ja von der Gesellschaft als Anhängsel des Missbrauchsthemas gesehen werden.
Dieselben Punkte findet man bei uns, bei WSAM, bei KiH und im GLF angeprangert.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Nelson » So 14. Nov 2021, 23:15

Hat sich Schuster mal in einem Forum geäußert? Vielleicht müsste man ihm sagen, dass es hier Gegenrede auf seine Arbeit gibt.
Das Ziel des Artikels von Klaus Beier et al. scheint klar zu sein: Wie im Umgang mit Covid-19 werden wir als Gesellschaft lernen müssen, mit pädophilen Menschen in unserer Mitte zu leben.
Wir sind doch keine Krankheit, ein stigmatisierender Vergleich mehr.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Max » So 10. Okt 2021, 21:01

Ich denke ich muss hier zu dem letzten Absatz einmal den advocatus diaboli spielen: Die „Hin- und Herrechnerei welche Gruppe am häufigsten Missbrauch verursacht“ kann vor dem Hintergrund sinnvoll sein dass sie wichtig für eine gewisse Art der Risikoabschätzung sein kann.

Wenn es tatsächlich 40% der Taten sind, die von pädophilen Menschen ausgehen, dann wird (angesichts der Tatsache, dass Pädos weniger als 40% der Gesellschaft ausmachen) tatsächlich von den Pädophilen ein größerer Prozentsatz übergriffig als von den nicht-pädophilen Leuten.

Wenn es aber nur ein sehr geringer Prozentsatz wäre, dann kommt das eher in den Bereich, wo diese Zahlen dann die Aussage unterstützen würden, dass Pädos keinen nennenswert höreren Anteil an Tätern stellen, als der Rest der Gesellschaft.

Ob diese Betrachtung des „Risikos“ sinnvoll ist, das ist dann eine andere Frage. Ebenso, ob die Zahlen, die heute existieren, für solche Abschätzungen überhaupt verlässlich und über viele Studien hinweg konsistent genug sind. Erstere Frage weiß ich nicht zu beantworten, die Letztere wage ich klar mit NEIN zu beantworten: zuviel Unwissen und zu wenig Konsistenz in Definitionen und Daten.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Mascha » So 10. Okt 2021, 13:37

Mitleser hat geschrieben: So 10. Okt 2021, 11:25 (...) ,dass 50 bis 60% der Übergriffe eben von nicht pädophilen Menschen begangen wird, (...)
Das hier finde ich die wichtige Botschaft. Kinder werden genauso wie Frauen und auch einige wenige Männer Opfer von sexualisierten Übergriffen. Das kann von schlüpfrigen Kommentaren über "kleine" Zudringlichkeiten, angeblich zufällige Berührungen bis hin zu Vergewaltigungen gehen. Und das ist keine Seltenheit sondern sehr viele Menschen erleben so etwas im Laufe ihres Lebens. Bei Kindern ist es besonders perfide, weil sie oft erst später, in der Pubertät, verstehen was da eigentlich genau passiert ist. Oft schweigen sie aus Scham und Schuldgefühlen heraus und in der sensiblen Entwicklungsphase der Pubertät kommt es dann oft zu psychischen Problemen.

Und diese Übergriffe passieren immer und überall, die meisten sogar in Familien selbst, was eigentlich logisch ist, denn hier ist der Zugriff auf Kinder am häufigsten und einfachsten. Und gerade hier ist auch die Dunkelziffer immens hoch. Statt dieser Tatsache ins Auge zu sehen gibt es bis heute immer noch Bestrebungen in der Gesellschaft, sich von der Verantwortung reinzuwaschen indem man pädophile Menschen zu Monstern aufbläht und so tut, als wären sie alleine schuld an solchen Übergriffen. Und als müsste man nur sie identifizieren und präventiv einsperren und alle Gefahr für Kinder wäre gebannt.

Aber so einfach ist es nicht. Die Menschen müssen sich der Verantwortung stellen, dass Missbrauch nicht nur durch den großen Unbekannten, den pädophilen Mann verursacht wird, sondern sogar häufiger durch nichtpädophile Männer und auch Frauen.

Aber so wie man auf dem Holzweg ist, wenn man sexuellen Missbrauch alleine pädophilen Menschen zuschreibt ist man auf dem Holzweg, wenn man versucht nachzuweisen, dass Pädophilie keinerlei Risikofaktor für Kindesmissbrauch ist. Und warum sollte man das auch tun? Es gibt diese Fälle, die Hellfeld -Statistiken der Forensik sprechen da eine klare Sprache. Interessant ist doch dann eher, was man tun kann, um solche Taten im Vorfeld zu verhindern. Ein zunehmend offenerer Umgang mit dem Thema in der Bevölkerung, das therapeutische Angebot von KTW für die die solche Hilfe suchen, Foren wie dieses sind da schon ganz gute Ansätze. Ebenso eine größere Sensibilität Kindern gegenüber was mögliche Anzeichen von Missbrauch angeht in Kita, Schule, Jugendarbeit, Sportvereinen und bei Kinderärzt*innen.

Diese Hin- und Herrechnerei welche Gruppe am häufigsten Missbrauch verursacht kommt mir hingegen eher sinnfrei vor, da es eben beide sind. Und es braucht jeweils unterschiedliche Präventionsmaßnahmen.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Mitleser » So 10. Okt 2021, 11:25

Oder anders gesagt, "traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast". ;) Wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen; die oft kolportierten 40 bis 50% Anteil an Pädophilen, die Kindesmissbrauch begehen, bezieht sich halt ausschließlich auf die Auswertung von Strafverfahren, aber das sagt überhaupt nichts darüber aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Pädophiler eine Missbrauchstat begeht, denn es ist ja irgendwie logisch, dass der Anteil derer, die sexuell auf Kinder ansprechen, entsprechend hoch sein muss. Umgekehrt könnte man herausstellen, dass 50 bis 60% der Übergriffe eben von nicht pädophilen Menschen begangen wird, also Leuten, die eigentlich überhaupt kein Interesse an Kindern haben.

Würde man z. B. die prozentuale Verteilung der sexuellen Ausrichtung von Tätern betrachten, welche erwachsene Frauen vergewaltigt haben, käme man sicher auf einen Anteil von knapp 100% Heterosexuellen - macht das Heterosexualität jetzt irgendwie gefährlich?! Das Pippi-Langstrumpf-Zitat darf man daher wohl auch bewusst ironisch verstehen, indem Filip Schuster dem geneigten Leser vor Augen führt, dass auch eine wissenschaftliche Abhandlung mit vielen Literaturverweisen so verfasst werden kann, dass die Zahlen die eigene These bestmöglich unterstützen. Man wird letztendlich also nur weiterkommen, wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt und alle Aspekte entsprechend beleuchtet, anstatt mit irgendwelchen herausgegriffenen Zahlen zu argumentieren.

Re: "0,4 Prozent, nicht 50 Prozent ..." (Filip Schuster)

von Dune » Sa 9. Okt 2021, 12:35

In diesem Artikel versucht Filip Schuster darzulegen, dass nur 0,4 Prozent der Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs auf pädophile Täter zurückzuführen seien.

Filip Schuster bezieht sich dabei auf einen Artikel, den Klaus Beier, Maximilian von Heyden und Isabel Schilg vom deutschen Präventionsnetzwerk "Kein Täter Werden" im australischen Fachmedium "InPsych" (Ausgabe von August 2021) veröffentlich haben.

https://psychology.org.au/for-members/p ... -challenge

Das Zitat aus diesem Artikel, welches wohl Stein des Anstoßes für Filip Schusters Replik ist, lautet:

„Admittedly, there are no exact figures on the proportion of paedophilic preference disorders as a background for sexual abuse acts but only estimates, according to which about 40 to 50% of perpetrators show a paedophilic sexual preference.“

Filip Schuster führt in seinem Artikel sodann in allerlei Tabellen und unter Zitation verschiedener Studien aus dem Dunkelfeld aus, dass keineswegs von 40 bis 50 Prozent pädophilen Tätern gesprochen werden könne. Als Hauptargumente für seine These gibt Filip Schuster unter anderem an:

1. Ein Großteil der sexuellen Übergriffe auf Kinder werde von Jugendlichen unter 18 begangen und diese könnten, da der Altersabstand zu den Opfern weniger als fünf Jahre betrage, nicht als pädophil gelten.

2. Die Mehrzahl der Übergriffe auf Kinder erfolge nach deren Erreichen des körperlichen Entwicklungsstadiums Tanner 2 (bei Mädchen 9 Jahre und bei Jungen 11 Jahre) und Täter, die Übergriffe auf Mädchen ab einem Alter von 10 Jahren, bzw. auf Jungen ab 12 Jahren begingen, könnten ebenfalls nicht als pädophil gelten.

Aus meiner Sicht liegen sowohl Klaus Beiers als auch Filip Schusters Annahmen über den Anteil pädophiler Täter sexuellen Kindesmissbrauchs statistische Unschärfen zugrunde, die plausible Angaben in hohem Maße erschweren.

Klaus Beiers Prozentzahlen beziehen sich vermutlich auf Daten aus der Forensik und stellen somit Angaben über den Anteil pädophiler Menschen an justizbekannten Sexualstraftätern dar. Inwiefern Menschen, die sich in einem mit einem Strafverfahren verbundenen therapeutischen Prozess befinden, korrekte Angaben über ihre Sexualpräferenz machen, lässt sich auch aufgrund des dabei sicherlich eine Rolle spielenden Aspekts der sozialen Erwünschtheit nicht zweifelsfrei überprüfen.

Filip Schuster bezieht seine Angaben unter Zitation von Studien aus dem Dunkelfeld. Auch hier wird es zu Verzerrungen hinsichtlich der Aussagekraft kommen, da die Daten sich auf freiwillige Angaben nicht justizbekannter Täter in Bezug auf eine hochgradig stigmatisierte Präferenz beziehen. Der in Filip Schusters genannte hohe Anteil jugendlicher Täter könnte also auch dadurch zustande kommen, dass der Aspekt der sozialen Erwünschtheit bei den Angaben unter 18-jähriger eine noch deutlich geringere Rolle spielt als bei Menschen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter.

Während der 16-jährige Täter, der die kleine Schwester des besten Kumpels befummelt, von Eltern und Verwandten noch eher mit der mitleidigen Hoffnung bedacht wird, dass "sich das schon noch wieder auswächst", wird der 40jährige Familenvater, der als Fußballtrainer die Jungs der D-Jugend unter der Dusche intim einseift, mit dem vollständigen Verlust der sozialen Existenz rechen müssen.

Nur solche Täter als pädophil gelten zu lassen, die Übergriffe auf unter 9-jährige Mädchen, bzw. unter 12-jährige Jungen begehen, ist ebenfalls zweifelhaft, da die Grenzen der körperlichen Entwicklung in diesem Alter fließend sind und der soziale Kontext von Beziehungen auch einen möglichen Missbrauch über mehrere Jahre bis in die Pubertät hinein einschließt, ohne dass dies etwas an der pädophilen Präferenz eines Täters ändern würde - ein 12-jähriges Mädchen könnte beispielsweise auch bereits im Alter von 8 Jahren von demselben (pädophilen) Täter missbraucht worden sein.

Vollständig außer Acht lässt Filip Schuster meiner Meinung nach die Tatsache, dass es neben einer exklusiven pädophilen Präferenz auch Mischformen gibt, die sich bei Männern zeigt, die neben ihrer Pädophilie auch eine Ansprechbarkeit auf Erwachsene haben und trotzdem Übergriffe auf Kinder begehen.

Das Ziel des Artikels von Klaus Beier et al. scheint klar zu sein: Wie im Umgang mit Covid-19 werden wir als Gesellschaft lernen müssen, mit pädophilen Menschen in unserer Mitte zu leben.

Pädophilie ist eine sexuelle Ansprechbarkeit Erwachsener auf den kindlichen Körper, aber nicht gleichzusetzen mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern und es sollte uns daher als Gesellschaft daran gelegen sein, pädophilen Menschen ein Leben in Würde und Respekt zu ermöglichen.

Jeder Pädophile sollte bei Bedarf die Möglichkeit haben, therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen zu können, sofern er die Befürchtung hat, die eigene Sexualität zum Schaden von Kindern auszuleben. Darauf zielt das Konzept von KTW, wie es in Deutschland bereits seit über 15 Jahren existiert und es gilt, die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten zu erörtern, dieses Konzept auch in anderen Ländern der Welt als therapeutische Unterstützung für pädophile Menschen zu etablieren.

Filip Schusters Versuch, den statistischen Anteil pädophiler Menschen an sexuellen Übergriffen auf Kinder möglichst gering zu rechnen, erscheint vor dem Hintergrund seiner anderen, auf der Seite ipce.info veröffentlichten Artikel, in denen er keinen Hehl aus seiner Ansicht macht, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern auf gegenseitigem Einvernehmen beruhen würden, verständlich. Ob er mit diesem Ansinnen jedoch außerhalb eines kleinen Kreises Pädophiler, bzw. Hebephiler, der sich der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit konsequent verschließt, Gehör finden wird, bleibt anzuzweifeln.

Und so beendet Filip Schuster seinen Artikel, der sich unter der Angabe eines Literaturverzeichnisses vom Ausmaß einer Dissertation offensichtlich den Anschein der Wissenschaftlichkeit geben will, mit einem Zitat von Pippi Langstrumpf:

"widewidewitt ich mach mir die Welt, widewid wie sie mir gefällt"

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